Der Regenwald stirbt. Jetzt handeln!

Der Schutz des Regenwaldes ist gesellschaftlich gewollt. Doch wie kann Europa dieses Ziel glaubhaft vertreten, wenn kein europäischer Großwald existiert? Ein Plädoyer für die europäische Verantwortung und Vorbildfunktion im Kampf für die Rettung des Regenwaldes.

Der Regenwald stirbt!
Dieser vielfach ausgesprochene Satz entspricht zweifelsohne der Wahrheit. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die urtümlich bewaldeten Flächen rund um den Amazonas und andernorts gerodet. Geduldet von der Zentralregierung schlagen gut vernetzte Unternehmer Breschen in den vormals undurchdringlichen Busch, entwalden riesige Flächen mit schwerem Gerät und verkaufen die so erschlossenen Nutzflächen an den Meistbietenden. Laut Spiegel Online wird sogar mit dem Entlaubungsmittel ‚Agent Orange’ vorgegangen – vom Flugzeug aus versprüht, um das Dickicht schneller urbar zu machen (vgl. Spiegel Online 2011).[1]
Wenige Schutzgebiete, unzureichend bewahrt vor Holz- und Tierwilderern durch kleinste Aufseher-Teams, deren Umgang mit stets knappen Mittels jedem Wirtschaftswissenschaftler zur Ehre gereichen würde, werden in Bälde die einzigen Refugien sein, in denen wertvolle und bislang unbekannte Heilpflanzen bewahrt werden, vom Aussterben bedrohte Tierarten existieren. Ureinwohner wird es nicht mehr geben, denn Kleinstreservate bieten nicht mehr die dafür nötigen Voraussetzungen. Ein Ureinwohner ist kein Ureinwohner mehr, wenn er bei Streifzügen innerhalb eines Tages entweder am Zaun endet, oder plötzlich auf einer Sojafarm steht, die sich der Deckung des Bedarfs an billigem Futtermittel für Geflügel-Mastfarmen oder europäischen Biosprit-Beimischungen widmet. Er ist auch kein Ureinwohner mehr, wenn er laufend von Sozialforschern, Missionaren und Anthropologen besucht und überwacht wird. Aus dieser Sichtweise ist der Ureinwohner bereits heute nur noch ein romantisches Fantasieprodukt.

Gemeinhin muss die Frage erlaubt sein, ob nicht derartige Eingriffe in den Lebensraum von Mensch und Tier immer mit einer Verfälschung der Beobachtung einhergehen. Wie viel Natürlichkeit bleibt einer Schildkröte, wenn auf ihrem Rückenpanzer eine schuhkartongroße Antenne installiert ist, die ihren CW-Wert auf das Niveau eines LKWs ansteigen lässt? Wie viel Natürlichkeit bleibt einem Bergpuma, wenn er zu wissenschaftlichen Zwecken einmal jährlich in Vollnarkose versetzt wird um allerlei Tests durchzuführen und Blutproben zu entnehmen?

Das Sterben des Regenwaldes hat jedoch viel früher begonnen. Aus erdgeschichtlicher Sicht leben wir weder in der Postmoderne noch im digitalen Zeitalter – sondern im Holozän. Dieses Zeitalter begann etwa 10000 vor Christus. Das nördliche Europa wurde langsam von den Eisgletschern freigegeben, im übrigen Europa dominierte – der Urwald. Der gemeine Europäer begann, sich den Wald zu Nutze zu machen. Er fällte Bäume zur Gewinnung von Brennholz und zur Errichtung von Langhäusern. Mittel zum Transport der riesigen Eichenstämme existierten nicht – das Holz musste an Ort und Stelle zum Objekt der Begierde weiterverarbeitet werden (vgl. Urmersbach 2009, S. 14 ff.).[2] Mit der Weiterentwicklung der Werkzeuge und der Domestizierung von Nutztieren steigerte sich die Effizienz dieser Rodung stetig, das gewonnene Land wurde zunehmend als Weidefläche produktiv genutzt. So haben unsere Urahnen den Grundstein unserer bequemen Existenz gelegt. Der frühe Europäer war ein Waldvernichter sondergleichen und schuf durch die wenig nachhaltige Verwertung von Holz gleichwohl die Grundlagen für Fortschritt und Entwicklung. Gänzlich verzichtete er gar auf die Wiederaufforstung.

Das Ergebnis ist ein entwaldetes Europa. Sicher, hie und dort werden Waldgebiete gepflegt, die ganzen Regionen namensgebend Pate stehen und Hund wie Herrchen als Naherholungsgebiet wertvollen Dienst leisten. Von einem Urwald, wie er vor wenigen Tausend Jahren weite Teile des eurasischen Kontinents bedeckte, kann jedoch nur noch in wenigen, entlegenen Gebieten, selbst von gebildeten Europäern als rückständig oder bestenfalls als Region mit Entwicklungspotenzial gekennzeichneten Schwellenländern, gesprochen werden.

Nun sind wir bei des Pudels Kern angelangt. Mit welchem Recht sprechen wir Schwellenländern mit Entwicklungspotenzial eben Selbiges zur Abholzung ihrer Wälder ab, wenn wir von den Früchten unserer Eigenen Abholzung täglich tausendfach zehren? Welcher Logik entstammt unsere Ansicht, einige der wirtschaftlich ärmsten Länder der Welt seien zum Erhalt ihrer nicht nutzbaren Waldflächen verpflichtet, wenn wir einen heimischen Mischwald nur noch nach Klaftern oder in neueren Zeiten nach Kubikmetern Holz bewerten, die diesem jährlich entnommen werden kann? Die Angst vor der Entwicklung anderer Kulturkreise prägt vor diesem Hintergrund ungewollt unser Gedankengut. Aus der eigenen Geschichte wissen wir, dass die Kultivierung von Waldgebieten unverzichtbarer Bestandteil der kulturellen Genese ist, derer wir uns so gerne rühmen. Wir haben keinerlei Recht, anderen Nationen etwas zu verbieten, dessen Durchführung uns schon in grauer Vorzeit selbstverständlich war. Vielmehr ist die Abholzung der Regenwälder etwas, das schon vor sehr langer Zeit hätte geschehen müssen, wenn wir die westliche Kultur als Maßstab für gesellschaftlichen Wohlstand und Fortschritt ansetzen.

Aus diesem Dilemma kann nur ein Ausweg heilbringend sein: Um unser Recht auf den Schutz des Regenwaldes glaubhaft zu vertreten, muss ein neuer eurasischer Urwald her. Denn nur, wer den Urwald schürzt, kann den Urwald schützen.
Kernproblem dieser Forderung ist mit offensichtlicher Deutlichkeit der Standort. Man stelle sich die Kommission vor, die über die Platzierung eines ausgedehnten Waldgebietes von der doppelten Größe Frankreichs auf europäischem Boden zu entscheiden hat. Das Ruhrgebiet beispielsweise wäre vermutlich eine eher konfliktträchtige Wahl. Ebenso sämtliche innereuropäische Hauptstädte. Deutschlands Beitrag zu dieser Fläche könnte nach Abwägung aller Einflussfaktoren und Auswahlkriterien wohl nur das östliche Randgbiet sein. Mit dem europäischen Rettungsschirm für Griechenland trägt die Bundesrepublik auch bereits genug Verantwortung auf ihren breiten Schultern. Keinesfalls ist es vorstellbar, die bundesdeutsche Hauptstadt dem Neuwald zu opfern. Somit ergeben sich als deutsche Außengrenze des Waldes die Berliner Randbezirke. Der Logik folgend, dass Hauptstädte bewahrt werden müssen, um eine international akzeptierte Einigung in der Waldfrage zu erzielen, ist die erste östliche Grenze des Waldes ebenso eindeutig zu ermitteln: Über Warschau hinaus wird die Bewaldungskomission mit ihren Plänen nicht durchdringen. Südlich von Berlin atoßen wir hingegen auf die urbanen Zentren Prag, Bratislawa und das südöstliche Budapest, deren Eingemeindungen in den neuen europäischen Großwald ebenfalls von nicht unerheblichen Protesten und Entschädigungszahlungen begleitet werden dürfte. In direkter Linie zum schwarzen Meer liegt dann Bukarest – daran vorbei zieht sich der Neuwald wohl bis zur Küste. Der Name Schwarzwald käme für den Großwald daher in Betracht. Diese Bezeichnung dürfte allerdings durch diverse Patente und Herkunftsbezeichnungen derart überschützt sein, dass nur das Ausweichen auf einen weniger prominenten Namen einen Ausweg aus der ersten Namensgebungskrise offeriert. Moldawien wird verzeihen, dass seine komplette Einwaldung zum glaubhaften Schutz der Regenwälder unerlässlich ist. Östlichste Grenze des Waldes wird somit Kiew. Die Form des Waldes wird nun deutlich und kann mithin nur als gelungen bezeichnet werden: Von Berlin aus ergießt sich in Richtung Ostsüdost die grüne Pracht weitläufig in baltische Gefilde. Anders herum betrachtet weist ein demagogischer Pfeil in aller Deutlichkeit auf die Stadt Hamburg, in der gleichzeitig der Autor dieses Artikels ansässig ist und in diesem Jahr mitunter feierlich den propagandistischen Coup der Ausrufung Hamburgs zur Umwelthauptstadt Europas des Jahres 2011 begeht.
Hamburg, Tor zur Welt und Heimathafen aller Kreuzfahrtschiffe dieser Welt, von denen jedes soviel Kohlendioxid ausstößt wie 7000 Autos (vgl. von Poser 2007).[3]
Lasst uns das Ziel des europäischen Urwaldes mit Mut und Kraft verfolgen und somit der Zerstörung der Regenwälder endlich wirksam Einhalt gebieten!

Waldgebiet des neuen eurasischen Großwaldes

Waldgebiet des neuen eurasischen Großwaldes

  1. [1] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,774174,00.html
  2. [2] Urmersbach, Viktoria (2009): Im Wald, da sind die Räuber: eine Kulturgeschichte des Waldes, Verlag; Alexander Schug
  3. [3] Von Poser, Fabian (2007): Focus Online, http://www.focus.de/reisen/kreuzfahrt/tid-6877/kreuzfahrtschiffe_aid_66989.html
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Haruki Murakami – Kafka am Strand

Murakami beschreibt die Geschichte eines jungen Ausreißers, der sich früh von seiner Mutter verlassen und von seinem Vater nicht geschätzt sieht.
An seinem 15ten Geburtstag bricht er gen Süden auf, beschließt sich von nun an Kafka zu nennen, nach seinem illusionären Krähen-Freund.

Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt einen mysteriösen Vorfall, der sich kurz nach dem zweiten Weltkrieg ereignete: Während eines Klassenausflugs fallen 16 Kinder nacheinander in Ohnmacht und machen dabei unbekannte Beobachtungen. Alle Kinder wachen bald wieder auf, nur Nakata verbleibt im Koma. Als er wieder aufwacht hat er sein Gedächtnis und die meisten seiner Fähigkeiten verloren – dafür beherrscht er aber die Katzensprache und kann sich fortan mit den Stubentigern unterhalten. Ihnen kommt in der Geschichte eine besondere Bedeutung zu: Sie verfügen über bedeutende Kenntnisse und können als Schlüssel zu verborgenen Welten und mysteriösen Vorgängen verstanden werden.

Kafka’s Reise führt ihn nach Takamutsa, wo er sich sofort einer außergewöhnlichen Bibliothek zuwendet. Dort lernt er Oshima kennen, einen freundlichen, belesenen jungen Mann, der sich später als geschlechtsneutraler Helfershelfer entpuppt. Kafka findet in der Bibliothek Anstellung und verliebt sich in die Mäzänin Saeki-san. Die Prophezeiung seines Vaters, er werde sich mit seiner Mutter und seiner Schwester vereinigen, erfüllt sich auf verhängnisvolle Weise. Saeki-san stellt sich als seine Mutter heraus, die seit dem Verlust ihres einst angetrauten Jugendfreundes in ihren Erinnerungen lebt, und dazu das Lied „Kafka am Strand“ geschrieben hat, das bedeutende Hinweise zum weiteren Fortgang der Geschichte enthält.

Nakata reist, einer inneren Stimme folgend, ebenfalls nach Takamutsa, wo er den Eingang zu einer Parallelwelt öffnet, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Denn was schief ist, muss Nakata wieder gerade rücken. Er findet Unterstützer und kann seine Mission ausführen.

Murakami experimentiert in seinem Werk mit mysteriösen Gegebenheiten und Zugängen zu anderen Welten. Er ist bemüht, das Werk durch verschiedene Zitate philosophischer Literatur nicht in eine Fantasy-Ecke abgleiten zu lassen, was ihm jedoch nur teilweise gelingt.
Das Buch wirkt wie ein Vorläufer zu „Hard-Boiled Wonderland“, ohne dessen ausgearbeitete Einzelheiten der Parallelwelt.

Auch in diesem Buch schafft Murakami wieder die einzigartige Stimmung, die seinen Werken innewohnt. Jemand sagte einmal, Murakamis Bücher wirken tröstlich auch auf Leute, die keinen Trost brauchen. Das trifft sehr gut zu.

Wer spannende innere Handlungen und emotionale Bücher mag, der wird diesen Murakami lieben. Für mich persönlich war es eines seiner schwächeren Bücher. Ich bin froh, dass ich dieses nicht als erstes von ihm gelesen habe, denn sonst wäre mir womöglich der Zauber seiner anderen Bücher verborgen geblieben.

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Haruki Murakami – Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt

Die Werke von Murakami zu lesen kommt zumeist einer Reise gleich, bei deren Start man das Ziel nicht kennt. Auch wenn man ständig aus dem Fenster blickt, erkennt man die Gegend nicht wieder, und doch kommt sie einem vertraut vor. Erinnerungsfetzen verdichten sich zu Eindrücken und schließlich zu einer Melodie, auf deren Schwingen man getragen wird. Dieser wunderbare Autor vermag den Leser innerhalb weniger Seiten ganz und gar in Beschlag zu nehmen.
So auch in diesem Buch, das mit dem Auftrag des Kalkulators beginnt. Ein Kalkulator hat die Aufgabe, durch Chiffrierung Daten vor dem Zugriff der Semioten zu bewahren, deren Organisation als „Fabrik“ bezeichnet wird. Kalkulatoren bekommen ihre Aufträge durch das „System“.
Die Fabrik ersinnt immer neue und ausgefeiltere Methoden, um die Verschlüsselungen des Systems zu überwinden, beide Organisationen befinden sich im permanenten Wettstreit um Methoden und Menschen.
Den Protagonisten zeichnet etwas aus: Er ist der einzig überlebende eines Programms, das ausgewählte Kalkulatoren durch einen operativen Eingriff in das Gehirn zu einer speziellen Verschlüsselungstechnik befähigen soll – das Shuffling. Hierzu wird ein weiterer Psychokern im Hirn des Probanten untergebracht, dessen Aktivierung aber bald von einem großen Nachteil begleitet wird: Eine zweite Realität, erschaffen und existent allein im Geiste des Einen, beginnt sich zu entfalten und überhand zu nehmen.
Das Werk teilt sich demnach sofort in zwei Handlungsstränge: In der einen Realität versucht der verantwortliche Professor mit Hilfe seiner attraktiv dicken und stets rosa gewandeten Enkelin, das abdriften unseres Helden in die zweite Realität zu verhindern.
Das eigentlich bemerkenswerte an diesem Werk ist die detail- und bildreiche Schilderung der erwähnten zweiten Realität. Diese konstituiert sich durch eine Stadt, von einer lebendigen Mauer umschlossen, an deren Eingang ein Jeder seinen Schatten abgeben muss. Der Schatten repräsentiert dabei die Seele, die in der Stadt nicht geführt werden darf.
Neben den Menschen leben Einhörner in der Stadt. Ein Wächter ist dafür verantwortlich, sie morgens aus dem Tor hinaus und abends hinein zu lassen. Im Winter verbrennt er die Nachts erfrorenen Tiere auf einem Scheiterhaufen.
Dem Protagonsiten wird nach seiner Ankunft sofort ein verantwortungsvoller Posten übertragen: Er wird zum Traumleser. Diese Aufgabe kann nur von Neuankömmlingen erfüllt werden, dessen Seele noch nicht durch die Trennung vom Träger verendet ist.
So trifft er die Bibliothekarin, die einzige Person die offenbar auch in der ersten Realität existiert, und liest Träume, indem er die in den Schädeln verbrannter Einhörner verbliebenen Erinnerungen extrahiert.
Unterdessen schmiedet er mit seinem Schatten Fluchtpläne. Die Rettung seiner Seele wird zum Anliegen, auch wenn er sich immer besser in der Stadt einfindet und die Abstinenz von Gewalt und Hass ihn mit Befriedigung erfüllt.
Murakami entwickelt das verstörende Szenario meisterhaft und überzeugend. Doch wer Antworten auf Bedeutung und Kontext der zahlreichen Details der zweiten Realität hofft, der wird enttäuscht. Nur Rätsel bleiben am Ende übrig:
Welche Bedeutung hat das Kraftwerk im Wald, das die Stadt mit Energie speist? Welche metaphorische Bedeutung haben die Einhörner? Repräsentieren die anderen Bewohner der Stadt Personen aus der Erinnerung? Wer sind die Waldbewohner, die sich nicht von ihrer Seele trennen konnten und denen daher der Zugang zur Stadt verwehrt bleibt? Haben auch andere Personen Zugang zur neuen Realität des Kalkulators?

Wie anderen Werken des Autors auch wohnt dem Roman ein gewisser Zauber inne. Mit jeder Seite tun sich neue Rätsel auf, mit der Entwicklung der zweiten Welt tut sich diese in einer greifbaren Deutlichkeit auf und wird stetig präsenter.
Noch Tage nach der Lektüre ertappt man sich selbst bei der Spekulation über einzelne Passagen und der Hinterfragung von Bedeutungen.

Mir hat sich eine Erkenntnis eingeprägt: Schon die erste Realität ist derart beschrieben, dass man den Eindruck erlangen muss, auch diese Realität sei nicht war sondern Einbildung. Warum sollte sie realer als die zweite Realität sein?
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Professor ein zweites Experiment durchgeführt hat, einen zweiten Psychokern implantiert hat und die Alternierung bereits zwischen zwei virtuellen Realitäten stattfindet.

Und nun blicke ich auf, und der Schädel im Regal, dem ich schon seit Jahren keine Beachtung mehr schenke, beginnt zu leuchten.

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>der Medicus< eine verstörende oder lehrreiche Geschichte?

Puh – die letzte Seite ist ausgelesen – Verstört, verwirrt und erschöpft lege ich das Buch zur Seite.

>der Medicus< von Noah Gordon – knapp 700 ambivalente Seiten. Ambivalent wird wohl das häufigst gebrauchte Wort sein, das meine Gefühle zu diesem Buch beschreiben wird.  Aufgrund des Klappentextes wäre ich nie auf die Idee gekommen diesen Wälzer zu lesen. Doch lag mir mein Liebster zwei Jahre lang in den Ohren, dass ich diese Geschichte doch unbedingt lesen sollte. Da nahm ich dieses Buch mit in die Osterferien, lag auf einem bequemen Liegestuhl in der Sonne und begann – Doch dann: die Mutter des Hauptcharakters stirbt auf den ersten Seiten nach einer Geburt, der Vater bald darauf aufgrund einer unheilbaren Krankheit und die überlebenden Geschwister werden unter Tränen an andere Familien weitergereicht. Trunkenheit, Dunkelheit, Gewalt und Angst füllen die ersten 300 Seiten. Ich muss mich quälen dieses Buch nicht beiseite zu legen. Im Wieder denke ich, dass diese düsteren Elemente nun durchaus eine realistische Wiedergabe der Zeit um das Mittelalter herum widerspiegeln. Nicht alle Bücher können von einer heilen Welt handeln. Kann ich diese Lebensgeschichte nicht lesen, weil sie im Widerspruch zu meiner Situation steht? Ich halte aus!

Rob – die Hauptfigur – hat eine Vision: Er möchte Medicus werden, um seine eigenen Erfahrungen zu verarbeiten. Diesen Weg kann ich die nächsten 400 Seiten verfolgen. Dieser Wille gegen alle Steine, die ihm in Weg gelegt werden, anzukämpfen, um sein Ziel zu erreichen, diese Kraft und Starrsinn sind wohl die Elemente, die mich mit dem Anfang versöhnen.

Nicht als historischen Roman, sondern als persönlichen Entwicklungsroman kann ich das Buch empfehlen – allerdings an keine zartbesaiteten Seelen.

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Absurd

Im Gedächtnis bleiben uns nicht die großen Reden. Nicht die Taten mächtiger Leute
rütteln uns wach. Der rationale Intellekt obsiegt nicht. Gewichtig sind die kleinen
Absurditäten, die uns versteckt begegnen, die in einem kurzen Augenblick ihr Antlitz
offenbaren, Dich in der Welt besuchen als wollten sie Dich wach küssen, aus einem
Traum, den Du niemals geträumt hast.
An diesem Tag hätte ich fast verschlafen. Ich lasse mich von meinem Handy
wecken, einem dieser neuen, flachen Geräte, die es schaffen, einen unglaublich
schrillen Ton zu produzieren, einen Ton, von dem man immer aufwacht. Wenn man
jedoch mehrere Alarmzeiten einprogrammiert, dann ist dieses Wunderwerk der
modernen Technik anscheinend überfordert. So wache ich auf, ohne dass ich
geweckt werde. Eben noch in tiefen Schlaf versunken, öffne ich plötzlich meine
Augen. Schaue auf die Uhr. Stehe wie selbstverständlich auf, nehme eine Dusche,
gehe dann ohne Frühstück aus dem Haus.
Eine merkwürdige Stimmung liegt über der Stadt. Es ist Mitte Dezember. Doch die
Leute müssen sich noch nicht in Wintermäntel und Schals kleiden, haben noch nicht
wieder ihre pinken Ohrenschützer und die weißen Moonboots aus dem Keller geholt.
Es ist mild und fast schon beunruhigend warm für einen Dezembertag.
Ich freue mich, in der Firma anzukommen. Ich habe hier so viele Stunden verbracht,
so viele Stunden. Stunden voller Freude, wenn das Team funktioniert wie ein
Uhrwerk und trotz der knappen Besetzung den Agenturen die fertigen Jobs nur so
um die Ohren schlägt. Viele Stunden voller Frust, wenn der Kunde um halb sechs
noch einen verlorengegangenen Job unter dem Kopierer findet und ihn bis zum
nächsten Morgen bearbeitet haben möchte. Hier verbringe ich meine Zeit als
Springer für sämtlich überraschend anfallende Jobs. Die Zeit heilt alle Wunden, vor
allem aber verbindet sie die Menschen. Die Kollegen sind mir vertraut.
Um die Mittagszeit beginnt es zu regnen. Dezemberregen, der die Stadt in seine
grauen Ketten legt und mit Blitzen wie Peitschenhieben seine Missgunst ausdrückt
und zur Eile antreibt. Gleich muss ich zur Universität zum Statistik-Seminar. Ich muss
mich zwingen. Sonst werde ich den Anschluss endgültig verlieren. In den
angestaubten, alt-ehrwürdigen Hallen der Lehranstalt bin ich nicht oft anzutreffen.
Ich habe Hunger und es ist Freitag. Der Tag der Fischsuppe. Doch ein scheinbar
undurchdringlicher Regenteppich hält den Weg besetzt zwischen meinem Büro und
Porno-Peters Suppenküche. Ich habe keinen Schirm. Ich frage meine Kollegen.
Frauen sind ja dafür bekannt, dass sie auf dem Boden ihrer Handtasche sogar
nützliche Dinge mit sich herumzutragen pflegen. Eine liebe Kollegin überlässt mir
leihweise ihren Schirm. Bedenklich biegen sich die Metallstreben im Wind, sobald ich
vor die Tür trete. Der Schirm ist zu kurz für mich. Ich muss meine Hand auf
Schulterhöhe halten, um mich unter dem mit dünnen, rosa- und helllilafarbenen
Streifen verzierten Kunststoff vor dem nassen Wind zu schützen. Fremde Leute
schauen mich belustigt an.
Ich trete in den Laden ein. Gelbes Licht strahlt Freundlichkeit aus, Porno-Peter sitzt
in seinem Laden und liest Zeitung. Alte Blechschilder und Vitrinen, gefüllt mit
wunderlichen Gegenständen aus aller Herren Länder füllen den Laden. Ein hübsches
Mädchen sitzt an einem Tisch und löffelt ihre Suppe.
„Wo hast Du den Schirm denn her?“ fragt mich Porno-Peter verwundert, und zieht
seine Augenbrauen ein kaum merkliches Stück nach oben.
„Den musste ich mir leihen, von einer Freundin. Ich wollte essen gehen, aber bitte –
es regnet in Strömen.“
Ich fühle wie der Blick der Schönen mich streift, ich spüre Sympathie in dem Blick
liegen. Liegt es an der heiteren Stimmung, die mich meist erfasst, wenn ich zur
Arbeit gehe?
„Fischsuppe?“
„Natürlich Fischsuppe.“
„Kürbisbrötchen?“
Porno-Peter backt jeden Morgen Brötchen, die er durch mehrmaliges Wälzen in einer
Schüssel knuspriger Kürbiskerne mit einer Unzahl derselben bedeckt.
„Nein danke, heute nicht.“
Er packt die Suppe in eine verschließbare Schale aus weißem Styropor, legt diese
vorsichtig in eine ebenso weiße, unbedruckte Plastiktüte und reicht mir die Henkel.
Ich bezahle. Und dann passiert es.
„Nimm Dir `nen Lolli.“
Er hat es tatsächlich gesagt. Ich bin ein Hüne von 196 Zentimetern. Das letzte Mal,
als mich jemand aufforderte einen Lolli zu nehmen ist solange her. Ich habe keinerlei
bewusste Erinnerung daran. Ich zögere einen Moment, werde überrollt von einer
kurzen Welle der Absurdität, sie ergreift Besitz von mir, ich weiß nicht wie ich
ausgesehen habe in dem Moment. Stand mein Mund offen? Haben sich meine
Augen vor Erstaunen geweitet? Dann fange ich mich wieder und steige darauf ein.
„Darf ich zwei?“ frage ich mit aller kindlichen Unschuld, die mir möglich ist. „Ich will
einen mitnehmen für meine Freundin, die mir den Schirm geliehen hat.“
Ich spüre richtiggehend körperlich, wie nun auch ihn diese Welle überrennt. Ich kann
es an seinen Augen sehen.
Ich kenne Porno-Peter, und schiebe deswegen noch eine Frage hinterher:
„Sag mal, ich kann doch noch Auto fahren, nachdem ich so einen Lolli gelutscht
habe?“
Porno-Peters verlebtes Gesicht mit den struppigen grauen Haaren wendet sich mir
nun ganz zu. Seine Mundwinkel beginnen nach den Seiten zu zucken, es wirkt
ansteckend, nur Sekunden später überkommt uns beide ein derartiger Lachanfall,
dass selbst nach Minuten der schallende Klang des Frohsinns durch Porno-Peters
engen Laden hallt.
Die junge Schönheit hat längst mit eingestimmt. Sie weiß nicht genau warum, aber
ihr tropfen kleine Tränen des Glücks die Wangen hinunter, ziehen ihre sorgsam
dezent aufgetragene Schminke in dünnen Linien nach unten, während sie herzlich
und mit blitzenden grünen Augen lacht. Sie sieht unglaublich süß aus. Ich setze mich
zu ihr, nehme vorsichtig meine Fischsuppe aus der Tüte und stelle sie auf den Tisch.
Dann schaue ich auf, unsere Augen treffen sich, wir verlieren uns für einen kurzen
Augenblick in den Tiefen unserer Wesen. Sie beugt sich leicht nach vorne, nur
angedeutet ist die Bewegung, doch wie einstudiert komme ich ihr entgegen, unsere
Lippen berühren sich, nicht stürmisch und leidenschaftlich, sondern langsam und
vertraut geben wir uns einen langen, zärtlichen Kuss.
Ich esse meine Fischsuppe.

Mitte Dezember ist die Zeit, in der die Einwohner dieser Stadt lieber zu Hause im
Warmen bleiben. Draußen in der Hektik der Strassen verliert sie sich oft in den
Träumen ihrer Sehnsüchte. Weg vom Ladentisch in dem sie sich ihr Studium
finanziert. Der Laden für orientalische und doch szenetypische
Einrichtungsgegenstände in der Ottenser Hauptstrasse. Früher, in einer anderen
Zeit, träumte sie davon mit Mark, diesem starken und doch so einfühlsamen Typ in
ferne Länder zu reisen und dort die kleinen Freuden der Basare einzukaufen und hier
mit einem Gewinn an die yuppiejesken Neureichen zu verscherbeln. Mittlerweile ist
Mark aus ihrem Leben verschwunden und das letzte Mal, dass sie etwas von ihm
hörte, war, dass sie noch immer einen Blumentopf in seiner Wohnung stehen habe.
Sie verliert sich in den Erinnerungen an blassblaue Meere, aufregende heiße
Gerüche und geborgene Nächte im Kerzenschein bei sich langsam abkühlendem
Sand. Der einsetzende Regen hämmert an die Fenster und raubt ihr den Rest der
guten, melancholischen Laune. Sie stürmt nach draußen und versucht die bunten
Kissen aus der Nässe zu retten. Die Strasse leert sich urplötzlich. Ihr fällt auf, dass
es schon Mittagszeit ist und sie Hunger verspürt. Sie schließt den Laden zu und flieht
zu Peter. Peter kennt sich lange und gemeinsam beklagen sie sich ab und zu über
fehlende Kunden und das veränderte Leben in dieser Stadt. Er brüht ihr erstmal
einen Tee. Da betritt ein völlig durchnässter Typ den Raum. Sie muss ein wenig
schmunzeln. Er ist riesengroß und doch hat er etwas Niedliches an sich. Nachdem
sie ihn etwas gemustert hat geht ihr auf, dass der zerfetzte Schirm nicht nur völlig
unproportional zu seiner Größe ist, sie erkennt darin auch einen Mädchenschirm.
Pinke und lila Steifen bilden einen auffälligen Kontrast zu seinem weinroten Hemd.
Ob er ihn wohl vorausschauend von seiner Schwester geklaut hat? Sie kann zwar
seine Stimme nicht hören, doch sieht sie, dass er es wohl eilig hat. Wahrscheinlich
hat er zehn Minuten Mittagspause und holt seine Suppe ab. Ohne Chance auf den
Genuss, der in der Suppe enthaltenen köstlichen Ingredienzien, wird er dann vor
einem Bildschirm die Suppe verschlingen, während er in Gedanken schon längst bei
den nächsten Arbeitsschritten ist.
Plötzlich brechen die beiden in Gelächter aus. Zucken um die Augen verrät
Wohlgefallen und Entspanntheit. Wärme durchflutet den Raum. Sie blickt die beiden
an und als ihr Blick auf den lächerlichen Schirm fällt, fängt auch sie an zu lachen. Der
Tag scheint auf für sie einige Absurditäten bereit zu halten. Ihre Gedanken rasen und
die Synapsen verknüpfen das Geschehen zu einer Monty-Python-Sequenz. Der Typ
setzt sich zu ihr und schaut ihr tief in die Augen. Ohne Vorwarnung: Horizonte, tiefes
Einvernehmen. Sie blickt in ihre eigene Welt und erkennt all ihre Wünsche wieder. In
Millisekunden scheint er ihr ganzes Leben aufzusaugen. Gemächlich, fasst wie ein
Automatismus nähern sich ihre Lippen und langsam, fast zaghaft, mit allem Respekt
des Universums, berühren sich ihre Welten. In ihrem Kuss begegnen sich ihre
beiden Sehnsüchte.
Sie nippt an ihrem Tee.
Die bedeutungsschweren Erzählungen bleiben uns nicht im Gedächtnis. Die visuelle
Überflutung lässt uns nicht aufhorchen und innehalten. Gewichtig sind die kleinen
Absurditäten, die Dich in der Welt besuchen als wollten sie Dich wach küssen, aus
einem Traum, den Du niemals geträumt hast.

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